Montag, 28. November 2011


DREI - Historie der langen Knabenstrümpfe
Drittes Post



Ist damit diese Mode ausgestorben?

Strümpfe an Kinderbeinen sind etwas so schönes - die Mütter werden nicht für immer darauf verzichten. Ich habe ein paar Bilder gefunden, die neue Wege zeigen, weitergehend als bisher. Gelegentlich tauchen neue Bilder auf mit Knaben in langen Strümpfen oder eher Strumpfhosen wie die folgenden:

 
 Bild 48
 in Wladiwostok der 1980er Jahre


Bild 49
aus dem Deutschen Strumpf-Museum


Bild 50
Beim Sport haben sich Strumpfhosen als 
angenehm und schön gezeigt, vielleicht in Polen und Spanien. 
Diese Serie scheint aus Polen zu stammen.



In USA geht ein Mann weiter: "Eugene T.S. Wong - A Man Who Wears Hosiery". Er tut vieles, damit lange Strümpfe (er meint wohl Feinstrumpfhosen) männlich aussehen: http://hopealexander.hubpages.com/hub/He-Makes-Stockings-Look-Masculine-Eugene-T-S-Wong .

Bild 51
Eugene T.S. Wong (USA) mit seiner Aktion
Strumpfhosen für Männer 
(seht bei Google unter seinem Namen)


Doch ich selbst trage seit 30 Jahren viele Arten von langen Strümpfen (meistens bunte), wie auf den nächsten Bildern:

Bild 52
bunter Rock, bunte Strümpfe,
Rock im Tartan Flower of Scotland


Bild 53
im Buchanan-Tartan-Rock




Die Emotionen der Knaben nnd Männer

Hier müsste noch einiges geschrieben werden, da ich immer wiedere erfahre, wie sehr das Thema Jungen und noch mehr Männer berührt, auch wenn sie diese Erlebnisse nicht mehr selbst gehabt haben, weil sie in der Zeit noch nicht lebten. Doch auch Frauen lassen sich berühren durch lange Strümpfe, und vielleicht werden diese Frauen einmal ihre Kinder wieder damit bekleiden und diese Mode wieder einführen wie es vielleicht um 1890 auch schon war.

In den 1930er und 1940er Jahren haben uns kleinere Kinder die Leibchen mit den Strumpfhaltern garnicht berührt oder eher gestört. Dann, so ab 10 oder 12 haben einige von uns etwas Sensibles daraus machen wollen - und wir Knaben dachten etwas verschämt an das, was die Mädchen trugen: Strumpfhaltergürtel oder ähnliches. Sehr selten war einer von uns so mutig, diese tiefen Wünsche vor der Mutter zu äußern (ich leider nicht). Und noch seltener war die Mutter so frei, diese Wünsche ihres Sohnes zu erfüllen. Doch - wie ich aus Berichten anderer lese - waren manche Mutter-Sohn-Bezíehungen so glücklich, daß der Knabe für ein paar Jahre diese Kleidung genießen konnte - oder gar in das ganze Leben übernehmen konnte - aus alter Tradition in seiner Jugendzeit.

Bild 54
Aus einem amerikanischen Versandhauskatalog um 1948.
Allerdings mussten die Strumpfhalter unter allem 
anderen getragen werden - sonst wäre der Gang
auf´s Klo zu schwierig geworden.
Das mittlere Bild war unser Ideal mit 13 oder so.





Deutsch-Englische Stichwöter-Sammlung
Leibchen - bodice
alle Arten Strumpf - sock, stocking, hose
langer Strumpf - long stockings, long socks
Strumpf-Halter - in England: suspender, in USA: garter
Strumpf-Band - garter 
Gummiband - elastic
Strumpf-Halter-Gürtel - suspender belt
Hüft-Halter, Hüft-Gürtel (an die ebenfalls Strumpf-Halter 
   angeknüpft werden können) - girdle
Stopfen - mending 
Strumpfhosen -. tights, pantyhose
Strumpfwaren, also auch Strumpfhalter usw - hosiery


Links:






Sonntag, 27. November 2011







ZWEItes Post in der Historie der langen Knabenstrümpfe



  Bild 25
aus Hirzel (Schweiz), 1941, Teil der Klasse,
das ganze Klasse findet sich hier: 
http://www.lehrmittelverlag-zuerich.ch/Shop/Klassenfotoarchiv/tabid/316/language/de-CH/Default.aspx ,
1941, Hirzel, erstes Foto.


Auf dieser schweizerischen Klassenaufnahme von 1941 kann man sich denken, daß die Jugendlichen so um 14 waren (Daten sind nicht angegeben). Die fünf Buben hatten etwas gemeinsam, sitzen freundschaftlich zusammen, und alle tragen ähnliche Kleidung, besonders lange Strümpfe zu kurzen Hosen. Ein gemeinsamer Freundschafts-Stil, oder sie leben zum Beispiel in einem Internat mit dieser Hauskleidung, oder die Mütter haben eine gemeinsame Idee. Einige haben sie mit Strumpf-Haltern befestigt (der linke und wahrscheinlich der Mittlere, ihre Strümpfe sind ein wenig strammer), die anderen mehr oder wenige sicher mit Strumpf-Bändern um die Schenkel. Beim linken ist auch der oberere Strumpf-Rand zu erkennen, was klar zeigt, daß seine Strümpfe von Strumpf-Haltern gespannt werden – vielleicht mit so einem:

Bild 26
Ich habe keine eindeutige Information, doch ich kann 
mir denken, daß größere Knaben (wie in Bild 25) solche 
schlichten Strumpfhalter-Gürtel benutzten.

Auf manchen Klassenfotos jener Zeit sitzen die Jungen in langen Strümpfen zusammen oder gar in der Nähe von Mädchen (die ja auch die Langen tragen), und die anderen Jungen ohne die Strümpfe zusammen. Hat das wohl emotionale oder soziale oder Stil-Gründe?

Wenn wir damals lange Strümpfe getragen haben, ging es ja darum, das ganze Bein zu bedecken, durch das Zusammenwirken von Hosen und Strümpfen. Doch haben wir das nicht sehr ernst genommen, denn beim Hocken oder Sitzen rutschten beide oft auseinander und ein Stück Schenkel war nackt und hätte kalt werden können. Das ist auf vielen Bildern zu sehen, und ich habe es an mir selbst erlebt, oder sogar versucht zu erreichen, indem ich die Hosenbeine etwas hochzog (wie auf Bilder 3, 27 und 28):

Bild 27
1939, Kindergarten, doch wo?
 Das geschah uns in jedem Alter

 Bild 28
auf der Bahnüberführung in Holzwickede.


 bei diesen beiden Bildern kam es den Müttern wohl
auf den Schutz der Knie an - und
vielleicht auf gewisse Eleganz der Knie – 
unter Verlust von etwas Wärme 
am Unterleib.

Manchmal haben wir die Strümpfe auch halb oder ganz runtergerollt, entweder bis eben über die Knie oder noch tiefer. Dann kam willkommene Kühle an die Haut. Das war das große Angebot der langen Strümpfe im Gegensatz zu langen Hosen oder später auch Strumpfhosen. Wenn es im Klassenraum warm war, haben wir oft die Strümpfe runtergerollt. Das wäre bei Strumpfhosen – die ich nie im Leben getragen hätte – nicht möglich.



Jüngere und auch manche ältere Knaben hatten – wie gesagt – ein oder zwei weiße Wäsche-Knöpfe am Strumpf angenäht und daran die Lochgummis geknöpft (Bild 4), das war wohl weniger elegant und wurde von uns als kindlicher empfunden, aber von älteren auch als weniger mädchenhaft. Bei dicken, Wolle-Strümpfen ging das garnicht anders, da die Draht-Spangen den dicken Strumpf nicht fassen können.
 
Diese Befestigung löste sich nicht so leicht, war also spiel- und sport-gerechter. Die Strumpf-Halter waren oben an einem Leibchen oder auch an Unterhemden befestigt, doch an Strumpf-Halter-Gürtel bei Kindern kann ich mich selbst nicht erinnern, habe aber davon gehört. Deswegen zeige ich oben einen in Bild 26. Als Mutter hätte ich meinen Kindern – Mädchen oder Buben – Strumpf-Halter-Gürtel gegönnt, sie sind erwachsener als Leibchen, und die/der Jugendliche kann sie ohne Hilfe an- und ausziehen. Die Leibchen werden ja hinten zugeknöpft, und die Kinder  mussten sich helfen lassen, denn allein geht das Auf- und Zuknöpfen nicht. Es wird vermutet, daß die Hilfe durch die Mutter oder Geschwister Abhängigkeiten brachte. Und deswegen die Mütter so lange wie möglich auf Leibchen bestanden – ob mit oder ohne Strumpf-Halter. Es wundert mich allerdings, warum nicht einfach Leibchen mit Knöpfen vorne üblich waren.

Oft wurden unter den Strümpfen lange Unterhosen getragen, besonders beim Wintersport, also Schlittenfahren oder Schlittschuhlaufen:

Bild 29
Der Junge trägt lange Unterhosen unter
seinen Strümpfen, wie oft im Winter,
auf dem Lande eher als in der Stadt,
 aus den 1930er Jahren in Ostpreussen.

Den Mädchen wird es ähnlich ergangen sein. Sie trugen ja ebenfalls lange Strümpfe mit Strumpf-Haltern und so weiter. Auch sie haben die Strümpfe runtergerollt, wenn es zu warm wurde. Doch ihr Anspruch an Eleganz war größer, und deswegen sind sie diesen Weg seltener gegangen, blieben mädchenhafter, besonders wenn sie Feinstrümpfe trugen, Seide oder Nylon, frühestens mit dreizehn Jahren. Wie ich immer wieder lese, haben sich Jungen beschwert, daß ihre Strümpfe nicht lang genug waren, die Mädchen wären besser dran gewesen, da ihre Strümpfe wirklich lang waren, wie auf dem Bild 30.

Bild 30
Mädchen in langen Strümpfen, sie müssen so lang sein,
damit die Oberschenkel geschützt waren, wenn der
Wind unter das Kleid bläst. Eigentlich gehört da noch
ein Unterrock drunter. Die Strümpfe sollten noch länger sein.

Dennoch trugen auch viele Frauen und Mädchen Strumpf-Bänder, also ringförmige Bänder, die um Schenkel und Strumpf geschlungen wurden, manchmal mit Knopf (Bild 32) reguliert. So geht es aber nur, wenn das Strumpf-Band eben über dem Knie ist, weil es, wenn es weiter oben ist, nach unten rutschen würde: die Oberschenkel sind bei den meisten (jedenfalls den schlanken) Menschen konisch und haben die dünnste Stelle eben über dem Knie. Strumpf-Bänder waren einfacher und wurden von Frauen eher bei Handarbeit wie im Garten oder auf dem Feld getragen.Und so hatten es damals auch Kinder jedes Alters.

Bild 31
aus der Schweiz etwa 1955 - Strumpfband

Bild 32
Das Einstellen der Strumpf-Band-Weite

Bild 33
Knabe mit schwarzen 3/4 langen Strümpfen
Er hält die Strümpfe mit Strumpf-Bändern (dunkel-grau zu sehen)
eben oberhalb der Knie. So war es wahrscheinlich üblich,
denn die Breeches-Hosen reichten bis zu den Knien
oder waren Knickerboker-Hosen. Und es gab keinen
Spalt an den Schenkeln. Als aber die Hosen kürzer wurden, 
mussten die Strümpfe länger wrerden und wurden mit Strumpf-
Haltern gehalten ...

Bild 34
So legten wir das elastische Strumpf-Band an.
Meistens war die Hose etwas länger,
überlappte den Strumpf-Rand.


Bild 35
1933, Pimpfe beim Wasserholen
(seht auch die Bilder 43 - 45)







Bild 36
manchmal bekamen schon 
die kleinenKinder 
Strumpf-Bänder - 
obwohl Strumpf-Halter
üblicher waren

Das habe ich in den 1940er Jahren noch einzeln gesehen. Da war es oft Ausdruck von  Familien mit geringem Einkommen, auch eine gewisse Gleichgültigkeit der Mutter gegenüber den Gefühlen ihrer Kinder. Doch fast alle haben ihre Strümpfe ab und zu hochziehen müssen.Oft wurden Weck-Ringe (rote oder blaue Gummiringe zum Abdichten der Einmachgläser) benutzt, was gewiß oft klemmte und schmerzte. Doch es waren Strumpf-Halter, die ab etwa 1925 immer üblicher wurden.

Um 1900 wurden wohl Strümpfe wie auf den Bildern 31 bis 36 getragen, die nicht höher als eine Handbreit über das Knie reichten, und die Hosen reichten hinunter bis ans Knie, die Röcke und Kleider waren noch länger. Also war das ganze Bein bedeckt Und wie ich las, gehörte sich das so in manchen, konservativen Familien. Die Hosen wurden mit der Zeit kürzer, und da immer noch das ganze Bein bedeckt sein sollte, wurden die Strümpfe länger. Das wurde den Knaben erst Ende der 1930er Jahre weniger wichtig, und häufiger sehen wir Bilder mit nicht genügend langen Strümpfen, und der obere Strumpfrand lag eben über dem Hosenrand – oder gar darunter.

Deswegen kamen die Strumpf-Halter auf, also elastische Bänder mit Knopflöchern (Lochgummi), die wohl zuerst von den Frauen benutzt wurden, die sie auch für ihre Kinder nahmen (Bilder 4 und 5). Denn weiter oben am Schenkel würden die Strumpf-Bänder nicht halten.


Bild 37
in Bossel (Oste) 1954


Dieses ist ein Foto mit kleinen Knaben in sehr kurzen Hosen und nicht ganz reichenden Strümpfen, über die auch die Strumpf-Halter rausguckten, was man nicht gut fand. Doch das gab es in jeder Altersstufe mal. Aus Italien jener Zeit gibt es Knaben-Bilder in modisch sehr kurzen Hosen, deren Strumpfränder dennoch unsichtbar waren, also wohl weit über die Hüften mit Strumpf-Haltern gezogen waren, so wie bei den - wenigstens älteren – Mädchen (Bilder 30, 38).

Bild 38
Bild italienischer Kinder, 1940, - weil die Hosen so 
kurz sind, müssen die Strümpfe so lang sein - 
vielleicht wie überall bei den meisten Mädchen, 
unter deren Röcken die Strümpfe ja auch 
bis an die Hüften reichen müssen (seht Bild 30).

Bild 39
Unterwäsche für dreizehn-jährige Mädchen - für Strumpf-Halter 


Wenn ich aber die Fotos von LEWIS WICKE HINE aus USA um 1900 ansehe, dann scheint mir, daß die Knaben, die meistens über 12 waren, bis vielleicht 16 Jahre lange Strümpfe trugen, eben übers Knie glaube ich, und mit einem Strumpf-Band (garter) befestigt, also ein Gummi rund um den Oberschenkel. Ab und zu sieht man das Band, und die Hosen waren so was wie Breeches, die bis zum Knie runter reichten oder etwas kürzer waren. Und im Laufe der folgenden Jahren noch kürzer wurden. Dann wurden die Strümpfe länger, und dann waren Strumpf-Bänder nicht mehr möglich und Strumpf-Halter kamen auf, die in den folgenden Jahren die Strümpfe hielten, ein oder zwei an jedem Strumpf.

 Bild 40
Auch zum Kilt wurden - logischerweise - manchmal 
lange Wollstrümpfe getragen, doch wo?

Die ganzen Ausrüstungen der Halterungen gehörten wohl mit zu den „Dessous“, die unsichtbar sein sollten, bei den Kindern so wie bei ihren Müttern. Deswegen sind sie so selten abgebildet, am häufigsten waren noch mehr oder weniger versehentlich die unteren Enden der Strumpf-Halter sichtbar, oder die Strumpf-Bänder. Ich habe sehr selten Bilder (Fotos oder Gemälde, Zeichnungen) gesehen, in denen das mit Absicht gezeigt wurde.

Oder es gibt Bilder von Dessous in den Reklamen, meistens für Frauen, doch seht hier:

Bild 41
da war kaum ein Uhterschied zwischen den Mädchen 
und Jungen - nur die Knaben tragen keine Nylons



Bild 42
bei Stade 1962, in Nordniedersachsen einer der letzten 
größeren Jungen, der lange Strümpfe 
mit Strumpf-Haltern trug. die Knaben schämten 
sich bei einer solchen Situation, denn
dabei wurden seine Dessous sichtbar.
In diesem Fall geschah das fern anderer Menschen
(außer mir, der ich das Foto machte)

„Dessous sind sehr pivate Kleidungsstücke. Sie verbergen die geheimsten Stellen, liegen direkt auf der Haut und sind wie verschlüsselte Botschaften: Sie verraten wie sich die Trägerin selbst sieht, und deuten ihre erotischen Vorlieben an.“ – aus der Besprechung des Buches „Dessous. Ein Jahrhundert Wäschekult oder "Le Frou Frou"“ (bei 2001, # 106 503). Das mögen die Mütter auf ihre Kinder übertragen haben, so weit sie lange Strümpfe bekamen, besonders auf die älteren – es waren ja auch die älteren Knaben ein Stück wie ihre Mütter in lange Strümpfe gekleidet – einschließlich der Unterwäsche und der dazugehörigen Emotionen. Der Übergang aus der Kindheit und Jugendzeit verband sich früher oft in dem Beginn des Tragens der langen Hosen, also oft mit der Konfirmation oder dem Schulabschluß mit 14. Grob gesehen war auch der Stimmwechsel der Knaben ein Zeichen der Reife zum Mann und zum Übergang zu männlicher Kleidung. Doch es gab viele Mischformen.

Die ausführlichsten Überblicke habe ich gewonnen beim Studium des Klassenfotoarchivs des Zürcher Lehrmittelverlages, (http://www.lehrmittelverlag-zuerich.ch/Shop/Klassenfotoarchiv/tabid/316/language/de-CH/Default.aspx). Allerdings war verständlicherweise keine Unterwäsche, die nötig war zum Tragen der langen Strümpfe, abgebildet. Da findet sich mehr in der Werbung amerikanischer Versandhäuser (Bild 24), was aber nach meiner eigenen Erfahrung nicht für europäische Verhältnisse passt.


Das wurde erst um 1925 anders, als sich die Knabenkleidung mehr und mehr von der der Mütter und Schwestern löste.

Mich wundert, wie die Kleidungsform der langen Strümpfe sich entwickeln konnte. Es muß eine neu aufkommende Mode gewesen sein, die die Mütter einführten, vielleicht in Anlehnung an ihre eigene Kleidung oder an Ideen der Industrie. Sie breitete sich sehr schnell über Nordamerika und fast ganz Europa aus – vielleicht mit Ausnahme der heißen Mittelmeerländer.

Dann – ab 1928 etwa – wurden die kurzen Hosen der Knaben immer kürzer. Das wurde – wie ich mich aus meiner Kindheit in den 1930er und 1940er Jahren erinnere – als sportlich empfunden, und in den 1930er Jahren war eine Junge gerne sportlich – auch wenn die langen Strümpfe nicht zum martialischen Manns-Bild der Nazis passten (weil sie mädchenhaft erschienen) und sehr selten zu den Jugend-Uniformen getragen wurden. Doch ab und zu waren ganze Gruppen so gekleidet, daß es schien, als ob die Strümpfe ganz normal zur Unifom gehörten.

 
Bild 43a
 Jungzug "Falke" der Pimpfe (10 bis 14) Nickelsdorf und Grünlinden
(Burgenland, Österreich) 

 Bild 43b
 Ältere Gruppe der Nazi-Jugend-Organisation,
Marsch-Kapelle, wahrscheinlich etwa 1933.
Ein außergewöhnliches Bild: die etwa 16 bis 19-Jährigen tragen zur
Uniform lange, schwarze Strümpfe

Bild 44
Jungzug der Pimpfe (10 bis 14) Gross Egelau (Ostpreussen) 1935

Bild 45
Die ab 14-Jährigen, April 1941, drei Jungen tragen 
lange Strümpfe zur Winter-Uniform,
in Hermsdorf (Sachsen)

Das mochten aber die Nazis nicht. Ich denke, wenn Jungen weiterhin lange Strümpfe getragen hätten, und wenn diese sogar bunter geworden wären, hätte sich eine ganz andere Jugend-Kultur entwickelt, mit mehr Sensibilität, Feinheit, Kultur. Und weniger Härte in den Kriegen.
 
Der praktische Sinn der langen Strümpfe verfiel mit dem Kürzerwerden der kurzen Hosen, denn der unbekleidete Raum zwischen Oberkante Strumpf und Unterkante Hose (wie auf Bild 37) erschien immer häufiger und wurde nicht gerne gesehen oder gefühlt und wurde leicht kalt, was eher die Mütter nicht gut fanden. Nun bekamen nur noch kleine Knaben lange Strümpfe bis zu dem Moment, an dem sie mit 8 etwa dagegen aufbegehrten. Wahrscheinlich begehrten Mädchen nicht dagegen auf, warum weiß ich nicht, vielleicht wurden sie schon sehr frühzeitig auf ein entsprechendes Mädchenbild geprägt, zu dem Kleider, Röcke, Schmuck, lange Strümpfe, Strumpf-Halter und Spitzen gehörten.

Meine drei Schwestern bekamen nie lange Strümpfe (zu ihrem Leidwesen wie mir eine von ihnen später erzählte), aber mein Bruder und ich trugen sie. Es gab also Familien, in denen zwar die Söhne aber nicht die Schwestern lange Strümpfe trugen. Kleine Jungen hatten eher Strumpf-Halter, die wohl an ein Leibchen geknöpft waren, größere, über 12, eher Strumpf-Halter-Gürtel oder Strumpf-Bänder um die Oberschenkel geschlungen. Das waren aber allgemeine Tendenzen mit großer Variationsbreite. Strumpf-Bänder galten als weniger kindhaft als die Strumpf-Halter – wohl weil die Mütter Strumpf-Halter trugen. Mir kommt es so vor, als wenn diese Bemerkungen eher in den 1920er und 1930er Jahren galten als früher und später.

Große Unterschiede gab es zwischen verschiedenen Familien, auch die Altersstufe betreffend. Da waren auch landschaftliche Unterschiede, im Osten Deutschlands und Europas wurden lange Strümpfe in späteren Jahren noch getragen, als sie weiter westlich schon fast unbekannt waren – das ist eher eine ungefähre Beobachtung.

Bild 46
Septima einer Privatschule um 1900 (Ostpreussen)
(Septima war die vierte Klasse)

In meiner Stadt (Hameln) hatten die meisten Jungen wenigstens zeitweise lange Strümpfe an (sonst lange Hosen, Überfallhosen genannt), die damals meistens braun waren, und mit manchen dieser Jungen spielte ich Spiele wie „es blitzt“, wenn der Strumpf-Halter oder gar ein Stück Unterwäsche raussah, und gerade dieses Spiel nutzten Mädchen, um die Jungen zu verspotten. Immer wieder war ich begeistert, wenn andere Jungen in langen Strümpfen erschienen, und ich passte auf, wie alt die ältesten Strümpfeträger waren, ich sah, es ging bis etwa 16 (1948). Aus diesem Spaß entwickelte ich dann viel später die Lust, das, was ich damals gesehen hatte, zeichnerisch festzuhalten, auch um die Erinnerung an diese oft schöne Mode nicht ganz sterben zu lassen. Ein paar dieser Bilder sind hier zu sehen und unter http://kinderstruempfe-lang.blogspot.com/ , Titel: "Alte Kindermode - die Strümpfe". Und ich werde weitere zeichnen.


Die Farben der langen Strümpfe bei Knaben waren meistens schwarz bis etwa 1925 und wechselten danach langsam in meistens braun oder beige, manchmal grau. Farbige oder geringelte Strümpfe waren sehr selten und wahrscheinlich meistens handgestrickt.

Um 1960 trugen die letzten Knaben – und nur ganz kleine –, lange Strümpfe, dann kamen statt dessen für Kinder die Strumpfhosen auf, die allerdings von Knaben kaum getragen wurden. Erst eine Generation später – so um 1975 etwa – gab es eine kurze Zeit, in der auch Jungen mal Strumpfhosen trugen, aber dann hörte das bald wieder auf. Und heute?

Wenn ich heutzutage Leuten, die nun 55 oder jünger sind, erzähle, daß in meiner Jugend Kinder lange Strümpfe trugen, können sie das nicht glauben. Manche verwechseln sprachlich Lange Strümpfe mit Strumpfhosen, die es aber damals nicht gab, und die dem Träger ein ganz anderes Körpergefühl vermitteln – wenn er überhaupt auf´s Körpergefühl achtet. Als Beweis dafür, daß es sich um lange Strümpfe handelte und nicht Strumpfhosen, seht die Fotos an, auf denen das zu sehen ist, zum Beispiel Bild 8.


Es gab für Kinder lange Strümpfe aus Wolle und aus Baumwolle, erstere hat oft sehr gekratzt, letztere war angenehmer zu tragen. Ich hatte nur welche aus Baumwolle. Knaben, die handgestrickte, wollene Strümpfe am Oberschenkel erleiden mussten, haben das ganzen Leben nie wieder welche getragen, so schlimm haben sie gekratzt. Maschinengestrickte Wollstrümpfe sind angenehmer gewesen. Es scheint, daß Mädchen bevorzugt wurden, denn nie habe ich von einem Mädchen gelesen oder gehört, daß über das Kratzen geklagt hat. Ich selbst habe mir mal vor ein paar Jahren lange Wollstrümpfe mit meiner Strickmaschine gestrickt und habe nie das Kratz-Problem. Die Wolle ist heute wohl anders.

Ich glaube, daß Jungen sehr selten Strümpfe aus Seide beziehungsweise später aus Perlon/Nylon hatten, Mädchen erst ab etwa 12 oder später. Damals hatten solche Strümpfe hinten eine Längsnaht, und ich habe eine Geshichte gehört, in der die Mutter ihren Töchtern die Strümpfe morgens gerade zog ehe sie sie befestigen durften. Doch wenn Jungen mal Nylons bekamen (vererbt), mag es ähnlich gewesen sein, habe aber nie davon gelesen.

Weniger elegant als wärmend wurden oft wollene Socken über den langen Strümpfen getragen. Ich habe das damals als sportlich empfunden und gerne gesehen. Auf den Zürcher Fotos (http://www.lehrmittelverlag-zuerich.ch/Shop/Klassenfotoarchiv/tabid/316/language/de-CH/Default.aspx)  trugen bis 1950 sehr viele Kinder im Winterhalbjahr lange Strümpfe mit Schisocken – zu langen Strümpfen oder zu Kniestrümpfen –, Mädchen fast nur. Buben in den 1920ern in der Mehrzahl, dann abnehmend. Und vielfach Schistiefel.


Die Mode der langen Strümpfe für Kinder zog sich ab 1928 langsam zurück auf die deutsch-sprachigen Gebiete und wahrscheinlich auch auf Osteuropa, dazu auf Skandinavien und Holland und hielt sich dort etwa so lange wie oben angegeben, also bis höchstens in die 1960er Jahre. Auf dem Lande hielt diese Mode im Schnitt 10 Jahre länger an als in den Städten, in der DDR etwa 10 länger als in der BRD. Und in  Polen und weiter östlich? Aus Wrozlaw (Breslau) in Polen fand ich aus den 1950er Jahren dieses niedliche Bild:

Bild 47
1950er Jahre in
Wrozlaw (Breslau) in Polen
die Jungen einer Klasse – die Mädchen trugen 
ebenfalls lange Strümpfe


Nun geht es weiter im nächsten Post DREI
http://geschichte-der-langen-struempfe.blogspot.com/2011/11/historie-der-langen-knabenstrumpfe-zwei.html




.

Sonntag, 30. Oktober 2011





EINS - Historie der langen Knabenstrümpfe
     Erstes Post





Bild 2
Kinderleibchen, mit Strumpfhaltern,
im Web gefunden


Hallo, mW25eytrlPzOo1WRGnI2qamOa9iGgD, eben sehe ich, daß Du als regelmäßiger Leser eingetragen bist. Das ist eine Herausforderung an mich, endlich diesen Blog richtig hinzuschreiben und Bilder einzubringen. Vorbereitet habe ich schon einiges. Das kennst Du bereits: Nun geht es langsam weiter, Seite für Seite, Bild für Bild. Ich freue mich, wenn Dich diese sensibel-emotionale Geschichte berührt, die feinsten Gefühle vieler Knaben, die nicht mehr recht Kinder sind und weit entfernt vom Erwachsen-Sein. Schreib mir etwas in die Commentare. - If you want me to answer in english please let me know.

Wenn Ihr ein Bild genauer sehen wollt, klickt es an. Jedes Bild hat oben rechts ein x zum Klicken, um wieder zurück zu kommen. Nicht alle Bilder sind von mir, falls jemand möchte, daß ich eines aus Copyright-Gründen entferne, schreibt mir unten in die Commentare. 




 .

Lange Knaben-Strümpfe – ihre Schönheit, die Geschichte

Long Boys´ Stockings -
their Beauty, the History


.


von Aryaman Stefan


Über die historische Entwicklung des Tragens von langen Strümpfen bei Knaben (und anderen Menschen), ein längerer Aufsatz mit Bildern. –  Ihre Schönheit? Ja, könnte es sein, wenn wir nur wollten. Da liegt noch viel Creatives drin.  –   Was ich alles gefunden habe.

Bild 3
Im Web gefunden, den Kleinen macht es Spaß ... 
so wurden die kleineren Knaben in den Jahren 
1930 bis 1950 oft und gerne gesehen. 
Ich kann mich erinnern, daß ich wie der Junge rechts 
gerne mal mein Hosenbein etwas hochzog
und den Strumpfrand zeigte, auch den Strumpf-
Halter. Kindliche - leicht erotische - Selbstdarstellung, 
etwa so wie Caspar und Melchior im catalonischen 
Altarbild (Bilder 6).


 
Bild 4
Wie es war: Tobias zieht sich seine Strümpfe an – 
die weißen Wäscheknöpfe, um 1950, der rosa
Strumpf-Halter aus Lochgummi, 
die eher kindliche Form.

Einleitung

mein Beginn, eine kurze Erzählung:
Auf meinem Schulweg, um 1948, November, es ist kalt und frostig, und es schneit etwas. Dennoch trage ich kurze Hosen, aber zum Schutz der Schultern eine dicke Jacke dazu, und eine Schirmmütze und einen dicken Wollschal. Meine Knie sind bloß. Das war nicht selten in jenen Jahren, und ich bin gerade eben 13 und kenne es kaum mehr anders – abgesehen von der Kürze der Hosen, sie waren zu kurz für diese Winterkälte, hätten schon bis an die Knie reichen dürfen.

Unangenehm ist es aber für die nackten Knie, und ich sehne mich nach etwas, das die anderen Kinder haben, ähnlich wie bei den beiden Jungen auf dem Bild 3, das ich im Internet gesehen habe. Die meisten tragen nämlich lange Strümpfe über die Beine und haben es wärmer als ich. Mein Freund Karl-Wilhelm auch, und seine Kleidung sieht durchaus gemütlich aus. Er stammt aus wohlhabender Familie, und so kommt es, daß er etwas vornehmere Sachen trägt. Bunt-karierte Strümpfe zum Beispiel, und ich erwähne das hier, weil ich über lange Strümpfe an Kinderbeinen schreiben will, die Geschichte durch die Jahrhunderte, in Europa – denn über andere Länder kann ich sowieso kaum schreiben – mit Ausnahme 
 des mittelalterlichen Indien ( http://wickelstruempfe.blogspot.com/ ).

Ihr fragt mich, wieso ich heute trotz der Kälte nur Kniestrümpfe an den Beinen habe, und das kam so: Meine Mutti bot mir neue Schihosen an, lange Hosen, die über dem Fuß zusammengebunden sind – sie hat sie im Sonderangebot gefunden, wie sie sagte, und sie seien doch ganz gemütlich. Doch ich wäre der einzige in der Klasse gewesen, und das wollte ich nicht. Ich wollte es lieber so wie die meisten, jedenfalls die Jungen, die ich gerne mochte, in kurzen Hosen, ähnlich wie auf den Bildern 3 bis 4, 8 bis 9 und weiter unten einige. Natürlich mit langen Strümpfen wie die anderen auch.

Ich habe die Schihose einfach nicht angezogen, und Strümpfe hatte ich nicht mehr, aus denen vom letzten Winter war ich rausgewachsen, sie waren zu kurz, und dann ist es unangenehm, wenn es so kalt ist, und oben ein Stückchen Bein ist nackt. Dann lieber ganz nackte Beine. Nach der Schule hatte ich mich mit meiner Mutter verabredet in einem Kleiderladen, um zu sehen, ob ... Doch da waren die Regale leer. Nachkriegszeiten!

Da meinte sie zu mir, ob ich denn noch immer die Strümpfe an ein Leibchen (Bilder 1, 21 und 22)  hängen wollte. Das wäre doch eher für kleine Kinder, hier sieht sie gerade ein paar Strumpf-Halter-Gürtel und einen Hüft-Gürtel, das wäre doch sportlicher, mit zwei Strumpf-Haltern je Strumpf. Sie trägt auch Strumpf-Halter-Gürtel, ach das weiß ich doch. In einem Tauschgeschäft bekamen wir dann schließlich Strümpfe, die eher zu lang waren, eher für kleine Frauen, jedenfalls genoß ich sie am nächsten Tag, nachdem ich sie etwas umgekrempelt und an die neuen Strumpf-Halter angeknüpft hatte.

Bild 5
Baumwollstrümpfe für größere Kinder mit klassischem 
Strumpf-Halter – am Hüfthalter

Dennoch, so überlange Strümpfe und der Gürtel waren neu für mich – und wie ich später merkte, ein ganz besonderes, neues Gefühl am Körper, sie waren eigentlich zu weit und ich musste sie manchmal hochziehen –  trotz Strumpfhalter, war alles zu locker. Doch warm! Nur die Mädchen hatten so lange Strümpfe, meistens länger als die Beine, bis an die Hüften.. Ja, unter das Kleid wehte eben zu leicht kalte Luft (Bild 29).

Ihr wundert euch vielleicht über diesen Bericht – was sind schon lange Strümpfe? Doch erstmal: ich schreibe nicht von Strumpfhosen, die man damals kaum kannte, sie wurden nur von Ballettänzern getragen – und das wollte ich doch nicht sein, lächerlich für einen Jungen (wir wussten noch nichts von Billy Elliot, seht den Film). Sie wären auch teuer gewesen. Also, was bedeuteten diese langen Strümpfe damals denn überhaupt? Ich schreibe hier darüber, weil lange Strümpfe für viele Menschen etwas voller Gefühle waren, sehr angenehme, aber für andere Kinder auch unangenehme. Und das klingt noch nach, selbst bei Menschen, die sie nie gesehen oder getragen haben.

Die Emotionen aus der Sicht der Knaben und Männer waren sehr verschieden. Für viele waren lange Strümpfe das Symbol von Frauen und Mädchen (im 20. Jahrhundert), manchmal von Schönheit und Schmuck, manchmal von Anständigkeit, manchmal von Rotlicht-Mileu, manchmal von Tradition ... meistens waren sie –  jedenfalls bei Kindern –  praktisch und die Beine schützend. Manchmal schätzten Kinder und Frauen es, daß sie bei Wärme hinuntergerollt werden konnten.





Hier die Historie
Über die Historie der langen Strümpfe – besonders bei Knaben – bekommt ihr hier einen kurzen Bericht mit ein paar Bildern. So weit zurück wie ich es finden konnte. Doch das war gewiß nicht der Anfang.

Ich suchte im Internet, bei älteren Leuten und in Büchern und habe ja noch selbst eigene Erlebnisse. Denn als Kind (geboren 1932) habe ich – etwa so wie anfangs in der Einleitung – immer mal lange Strümpfe getragen, und ich gehörte zu denen, die sie gerne hatten und sich immer wieder nach ihnen sehnten – und diese Vorliebe ist mir bis heute geblieben, ein Fetisch im schönen Sinn.

Lange Strümpfe, die über das ganze Bein reichen, oder wenigstens hoch bis ein Handbreit über das Knie, wurden im 20. Jahrhundert nicht nur von Frauen sondern auch von Kindern, also auch Jungen getragen. Im Mittelalter eher von Männern, wahrscheinlich mehr als von Frauen, ich denke an die Zeiten vor 700 Jahren und früher. Da gibt es ein frühes, schönes Bild von 1200 aus Nordspanien, wo die drei Heiligen Könige dargestellt sind.

Es ist ein Ausschnitt aus einem Altarbild in der Kirche im Städtchen Espinelves in Nordspanien, gemalt um 1200. Die ganze Tafel (Bild 6C) hängt heute in Vic bei Barcelona, Museo Episcopal. Immerhin waren die Dargestellten als Könige gemalt, sie trugen also sehr anspruchsvolle Kleidung (was heutige Staatschefs ja garnicht tun). Caspar, Balthasar, Melchior - die Heiligen Drei Könige. Könige waren doch etwas Besonderes, modisch korrekt damals, schon gerade Heilige Könige, nehme ich an. Und vielleicht avantgardistisch, Ton angebend (Bilder 6A bis C)..

Bild 6A
Dieses Foto fand ich in der Zürcher Monats-Zeitschrift Du/Atlantis 
(September 1964 in der Serie Catalonia Romanica, 
Fotos von Franco Cianetti, Seite 17-18). 
Ein gleichgroßes Foto in Farbe findet sich hier: 

 Bild 6B
für die Copie danke ich Barbara Graf-Degenhart.
Diese Copie ist nicht so detailliert wie das schwarz-weiße Bild. 
Ich sehe, wie die drei Heiligen Könige sich darstellen – 
sich zur Schau stellen möchte man heute sagen,
"exhibitionistisch".
Sie zeigen ihre Strumpf-Halter, das sind ja sozusagen 
Hinweispfeile, die weiter an den Körper unter der 
Kleidung weisen. Ich denke, das wurde 
als erotisch empfunden, doch anders als wir 
heute männliche Erotik verstehen.

Bild 6C
Hier die ganze Altartafel, etwas zu dunkel. Seht auch feiner im Detail hier:
http://www.flickr.com/photos/ifdezlillo/2080625082/in/photostream .
Die Altartafel steht heute im Museo Municipal in Barcelona

Neben dieser Tafel steht dieses Schild:

Bild 6D

Wahrscheinlich ging es dabei nicht um eine Erotik wie im zwanzigsten Jahrhundert bei den Frauen, sondern sie waren sehr allgemein gebräuchlich, vielleicht zuerst nur in „besseren Kreisen“. Oder ein öffentlicher Hinweis auf das, was möglich war, ein Hinweis auf die Möglichkeiten des Geschmacks damals. Einer öffentliche Darstellung seiner selbst. Ich erinnere mich an meine Kindheit in langen Strümpfen, ich hatte auch die Lust, mich darzustellen – wie der der Junge im Bild 3.

Und sie hatten etwas mit Mode zu tun, die hier und da hinging (und noch immer geht). Man findet anderswo noch mehr Bilder aus jenen Jahren, in denen lange Strümpfe unter einem kurzen Kleid oder Rock getragen wurden, von Männern. Was die Frauen anhatten war nie zu sehen, da sie ganz lange Kleider trugen. Im Internet gibt es eine Reihe von sehr großen Sammlungen mittelalterlicher Bilder - aus Europa! Sucht mal weiter.

Aus dem Mittelalter gibt es mehr Bilder als nur Gemälde wie das aus Espinelves. Sehr ausführlich im „Hausbuch, Bilder aus dem deutschen Mittelalter“ (auch im Internet vollständig abgebildet) und in anderen Quellen, wo sie eher unter Röcken zu sehen waren – und als Alltagskleidung galten:

Bild 7A
Ausschnitt aus einem größeren Bild: der Pferdeschlachter 
trägt ein Höschen (so kurz wie die heutigen Mädchen,
bei denen auch der Po-Schlitz oben raussieht). und
lange Strümpfe, die etwas vernachlässigt herunterhängen 
(aus dem Hausbuch)

Bild 7B
Und ähnlich der Bauer, er hat Schwert, Peitsche und 
Kappe abgelegt – ist wohl zu warm, und zieht 
sich sein Kleid/Hemd aus. Wir sehen die langen 
Strümpfe, vielleicht aus Leder, die den oberen Teil der Schenkel freilassen: 
Sie sagten „barschink“(aus dem „Hausbuch“ ..., 
wo noch mehrere Bilder zu sehen sind.)

Mit den Übergängen vom Mittelalter zur Neuzeit (um das 15. Jahrhundert) änderte sich das: Beginnend bei den vornehmen Ständen kamen dann langsam Strumpfhosen auf, doch Strümpfe noch lange bei den einfachen Leuten. Und genau betrachtet blieb das so bis etwa 1960. Selbst heute freue ich mich über hübsche Strumpfhosen, deren Beinlinge ich abschneide und als Strümpfe trage.

Für mich waren die Knaben in langen Strümpfen seit meiner frühen Kindheit ein besonderes Lebens-Thema, für das ich schon seit frühester Zeit (mit etwa 4 Jahren) Material und eigene Beobachtungen – und Gefühle – gesammelt habe, gewiß ein wenig erotisch, jedenfalls sowas wie auto-erotisch. Obwohl die meisten Kinder lange Strümpfe trugen, sie also eine ganz allgemeine Kleidungsart waren, war ich lange Zeit sehr scheu zu dieser Sache, weswegen ich in jungen Jahren zu wenige Berichte erbeten und noch weniger Fotos gemacht habe – obwohl es damals viele gute Gelegenheiten gegeben hätte. Nur ahnte ich noch nicht, daß diese von mir geliebte Kleidungsart so schnell aus dem Gebrauch kommen würde. Keine 20 Jahre später war es vorbei.

Doch wenigstens ein Foto aus jenen Jahren habe ich hier beigefügt.

Bild 8
Ein Foto etwa 1956 aus Dehmke bei Hameln. 
Ich selbst hätte das  zehn Jahre früher auch sein können.
An die Strümpfe war ein Knopf genäht für das Lochgummi, 
das irgendwo an der Unterwäsche
angeknöpft oder -genäht war - der „Strumpf-Halter“.


Was ich aber weder im eigenen Archiv und selten in guter Qualität anderswo fand, habe ich nach Fotos und eigener Erinnerung gezeichnet, etwa so:

Bild 9
In den 1930er Jahren und danach. Verschämt zeigt 
der linke Junge seine Strumpf-Halter – 
er ist eben kein König wie auf Bild 6A, der sich nicht 
schämen muß. Mehr Zeichnungen finden sich hier

 
Direkt vorher aber trugen Knaben lange Strümpfe zu kurzen Hosen nur über einen Zeitraum von höchstens 75 Jahren, nämlich weitgefasst von 1885 bis spätestens 1960, fast überall in Europa und Nordamerika. Davor gab es sie in der Neuzeit wohl selten – ich kenne sie nur noch aus Bildern aus dem 17. Jahrhundert in Flandern, Männer und Jungen trugen sie zu sehr weiten kurzen Hosen: Der Maler Gerard Ter Borch in den Niederlanden hat sie uns gezeigt: Neuzeit ab etwa 1500 bis heute (Wikipedia).

Bild 10
Gerard ter Borch malte 1665 den Flohfänger (hängt in der Münchener 
Alten Pinakothek). Wenn ihr näher hinseht, findet ihr, 
daß der Junge blaue Strümpfe bis über die Knie anhat, 
die er mit zwei Ledergürteln festhält. An jedem ist eine
Metallschnalle, wie wir sie heute auch noch haben. 
Ter Borch malte noch weitere Bilder, auf denen Männer
lange Strümpfe zu sehr weiten recht kurzen Hosen tragen, 
doch dieses ist so weit ich weiß sein einziges Bild 
eines Jungen in dieser Kleidungsform.
Ein Strümpfe-Museum sollte auch Ter Borch´s Bilder ansehen.

Für die Zeit ab 1850 habe ich nach fotografischen Nachrichten im Internet gesucht, und ich wurde fündig meistens in Klassenfotos, weniger Bilder aus Familienalben oder anderen Quellen habe ich gefunden. Suchwörter bei „Google/Bilder“ sind hauptsächlich „Klassenfoto“ und ähnliche (auch in anderen Sprachen), auch Versandhaus-Kataloge aus den USA. Ich habe nicht in Ländern von Osteuropa suchen können, da mir die Stichwörter in den entsprechenden Sprachen fehlen. Die meisten Fotos sind recht unscharf – obwohl es seit etwa 1900 gute Kameras gab (seht zum Beispiel die Bilder von LEWIS WICKES HINE  im Internet) und entsprechend auch gute Fotos. Doch jene Kameras waren wohl sehr teuer.

Auf Mittel- und Nordeuropa bezogen fand ich: etwa 1880 und davor trugen Knaben sichtbar fast nie lange Strümpfe, nur lange Hosen, auch mal Strumpfhosen. Danach erst kamen wieder lange Strümpfe auf und die Hosen wurden kürzer, oder die Hosen wurden kürzer und die Strümpfe länger. Das war vielleicht eine  besondere Mode, möglicherweise in den Ländern Nordamerikas begonnen. Es wurde im Laufe der Jahre eine schöne Mode, aber zuerst war die Knabenkleidung im Allgemeinen langweilig und dunkelgrau bis schwarz. Ich habe aber den Eindruck, daß zuerst die langen Strümpfe aufkamen und danach erst die Hosen kürzer wurden. Um 1885 trugen in einer Klasse nur einzelne Jungen lange Strümpfe, galten diese Jungen bei den anderen als avantgardistisch? Ich weiß es nicht.

Bunte Strümpfe waren sehr selten, ich fand ein Foto aus dem 19. Jahrhundert:

Bild 11
Knaben um 1900, bunte Kleidchen, bunte Strümpfe,
seht auch Bild 20.

Nun ein paar Klassenfotos aus Mitteleuropa, die meisten aus Deutschland: Während die Kinder auf Bild 11 für die Fotositzung besonders hergerichtet wirden, seht ihr sie im Folgenden eher in Alltagskleidung:


Bild 12
Schulklasse 1895 - diese Schüler sind noch "altmodisch" 
gekleidet, in ganz langen Hosen

Bild 13
1881, alle Jungen tragen lange Hosen, an lange 
Strümpfe hat man wohl noch nicht gedacht. 
 
 Bild 14
Schulklasse um 1900. So altmodisch das heute aussieht,
ich denke, für die Zeit waren sie hoch-modern und
avantgardistisch gekleidet. Aus anderen Fotos schließe
 ich, daß die Strümpfe mit einem Strumpf-Band 
über dem Knie gehalten wurden.
(Bilder 30 bis 31). Die Jungen sind sehr 
einheitlich gekleidet - wie das heute auch ist.


Bild 15
Schulklasse 1925, so wurde es meistens in dem 
Jahrzehnt, die gesamte Klasse in langen
Strümpfen, das wurde erst weniger um 1935. 
Bild 16
Betzingen 1930, Jahrgänge 1919 und 1920.
Wie oft in den 1920er und 1930er Jahren tragen alle 
Kinder einer Klasse lange Strümpfe. Das Bild habe ich gefunden unter
http://betzingen.blogspot.com/2009_09_01_archive.html 
Ich bitte die Betzinger, daß ich dieses sehr historische Bild 
hier stehen lassen darf.

Bild 17
in Krohnengen 1935, Bergen, Norwegen.
Die Einheitlichkeit in Bilder 14 bis 16 weicht langsam wieder. 
In jener Zeit haben die skandinavischen Jungen gelegentlich 
in kurzen Hosen und langen Strümpfen Schi gelaufen – 
wie die Mädchen damals in Kleidern und Strümpfen.


Bild 18
Klasse in Lindesnes, Norwege

Bild 19
Gymnasiasten 1926, in Deutschland


Vielleicht ging diese Knabenmode parallel mit einer fast gleichen Mädchenmode, das scheint mir aus den Bildern so, war also einfach Kindermode. Oder das, was die Mütter trugen.

Ab 1890 wurden es mehr lange Strümpfe in Klassenfotos. Etwa 1905 bis 1930 hatten auf fast allen Klassenfotos alle Jungs (und Mädchen sowieso) bis zum Alter von 15 Jahren lange Strümpfe an, jedenfalls wenn es kühler war. Und ich habe den Eindruck, daß es „sich gehörte“, als bessere Kleidung galt, lange Strümpfe zu tragen – in manchen Familien bis weit in die 1930er Jahren hinein. In der Schule und beim  Kirchgang tragen Kinder ja im allgemeinen bessere Kleidung, also denke ich, daß zuhause und in der Freizeit eher kurze Strümpfe getragen wurden, wenn es warm genug war. Das aber nicht vor etwa 1925. Zur Heiligen Communion wurden meistens lange Strümpfe getragen, oft weiße, vielleicht für Knaben das einzige Mal in ihrem Leben.

Männer trugen damals zu kurzen Hosen lange Strümpfe sehr selten, und Jungen hörten ab einem gewissen Alter damit auf – wohl noch unter langen Hosen, aber nicht mehr sichtbar. Unter langen Hosen im Wintersport. Zuerst war der Wechsel mit etwa 16 bis 18 Jahren, doch im Laufe der Jahrzehnte war dieser Übergang immer früher, zuletzt (um 1950) bei 6 bis 8 Jahren.

Die Strümpfe waren bis ans Ende der 1920er Jahre allermeistens schwarz, nur sehr selten kamen farbige oder farbig geringelte vor oder ganz selten längs gestreifte. Und die müssen etwas Besonderes gewesen sein. In den 1930er Jahren wechslten die Farben ins Braune und Beige. Braun „wie Chokolade“.

Bild 20
Junge in bunt geringelten Strümpfen,
ich schätze so um 1890, vielleicht waren
das Stil-Experimente um das Neue, 
Besondere der Langen Strümpfe herauszustellen
und interessant zu machen, seht auch Bild 11


Die Befestigungen
Da Beine nach oben dicker werden, würden lange Strümpfe runterrutschen, wenn sie nicht gehalten werden - entweder durch Strumpf-Halter oder Strumpf-Bänder oder durch einen Heftrand auf der Innenseite („Halterlose“). Bisher habe ich nicht eindeutig ausmachen können, wie die Knaben anfangs – also um 1900 – ihre Strümpfe befestigt haben. Wahrscheinlich so wie damals die Mädchen, also am langen Leibchen oder anderer Unterkleidung mithilfe von Strumpf-Haltern (oder lediglich Sicherheitsnadeln) – wie später auch.Wie das Leibchen auf Bildern 2, 21, 22, 23. Oder noch häufiger mit Strumpf-Bändern wie in den Bildern 30 bis 34.

Im Bild 2 (ganz oben) findet ihr ein Kinderleibchen guter Qualität mit zwei mal zwei Strumpf-Haltern. Der Zug der Strümpfe wird von den über die Schultern eingenähten Bänder aufgefangen. Die Strümpfe werden an die Drahtklammern angeklemmt, seht Bild 5.

Bild 21
Kinderleibchen aufgeklappt
Deutsches Historisches Museum

Dann wurde es wohl eher so - wie auf den Bildern -, daß die meisten Kinder bis etwa 10 Jahre Kinderleibchen trugen, an die ein oder zwei Paar Strumpf-Halter befestigt waren (seht hier beim Mädchen:  http://www.flickr.com/photos/58039671@N00/5345399358/in/set-72157625895759793 , allerdings ein Spielfilm, "der Regenmacher" oder so ähnlich, den ich noch nicht gefunden habe). Diese waren meistens Lochgummis, die am Strumpf an ein oder zwei Knöpfe geknöpft wurden (wie auf Bild 4) oder sie hatten die Draht-Klammern, wie sie auch von älteren Kindern und Frauen benutzt wurden (Bilder 5, 8 und so weiter). Diese Drahtklammern an den Strumpf-Haltern entwickelten sich zu einem erotischen Symbol des Femininen und Mädchenhaften, deswegen hatten einige Knaben damit Probleme – oder hätten sie sich gerade welche gewünscht, wenn sie eine innere Zuneigung zum Weiblichen oder Mädchenhaften hatten (wie ich als Kind).


  Bilder 22 A und B
sehr kurzes Kinderleibchen mit Strumpfhaltern

  
 Bilder 23 A und B
Drei Jungen mit üblichen Leibchen für Strumpfhalter.
Der rechte hat seine Strümpfe etwas runtergerollt - 
Wärme im  Klassenzimmer. Die Hosen sind etwas zu kurz,
doch wegen der Deutlichkeit ....
 

In amerikanischen Versandhauskatalogen fanden sich damals Bilder von Strumpf-Halter-Vorrichtungen. Es werden etwas komplizierte Riemen-Konstruktionen (Bild 24) angeboten, die aber wohl in Europa nicht oder kaum benutzt wurden. Also bei uns Leibchen. Doch wenn die Kinder über 10 oder 12 Jahre alt waren, haben sie wohl eher Strumpf-Halter-Gürtel benutzt, wie auf Bild 26.

Aus Europa habe ich keine fotografischen Bilder von Strumpf-Halter-Gürteln bei Knaben gesehen, doch ab und zu berichtet jemand davon, und das wäre auch nur verständlich, denn Mütter würden ihre Kinder an den eigenen Erfahrungen beteiligen, wenn sie etwa ihre Größe erreicht haben, geben ihre eigenen Erfahrungen an ihre Kinder weiter. Besonders wenn ich Klassenfotos aus der Schweiz sehe (ein Ausschnitt auf Bild 25) und merke, daß zeitweise etliche Knaben so um vierzehn lange Strümpfe trugen, kann ich mir nicht vorstellen, daß die Mütter ihre Söhne zu Kinderleibchen gezwungen haben, sondern ihnen Strumpf-Halter-Gürtel gaben, wie sie sie selbst trugen. Doch da haben ich keine Bilder gefunden, nur einzelne schriftliche Bemerkungen, und so zeige ich aus jener Zeit ein Bild von einem einfachen Gürtel im Bild 26. Ich vermute, daß sie häufig von älteren Buben benutzt wurden, wenn sie lange Strümpfe trugen wie in den Bildern 19 und 25. (ab Bild 25 sind die Bilder im Post ZWEI)


HIER FEHLT NOCH EIN BILD

Bild 24
USA-Konstruktion „garter waist“- glücklicherweise 
musste ich das nicht tragen, unsere Leibchen 
 waren bequemer. Seht die Bilder 22A und 23A





Ende des ersten Posts in diesem Blog

Nun kommt der nächste Post ZWÉI




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